Marina Mohnen ist eine Institution, die auf internationaler Bühne nahezu alles erreicht hat. Im exklusiven „Team Germany Interview“ mit Martin Schenk, verrät die 4,5-Punkte-Dame mit dem tödlichen Mitteldistanzwurf, was sie über den deutschen Nachwuchs denkt, mit welcher Hoffnung und Motivation sie nach Hamburg reist und wie sie die WM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft einschätzt.

Marina, du bist seit einigen Wochen und Monaten verletzt und konntest nur sporadisch für deinen aktuellen Verein, die Rhine River Rhinos, spielen. Kannst du uns kurz abholen, was den Verlauf deiner Verletzung betrifft? Was genau hast du und wie ist der Heilungsprozess verlaufen?

Wie du schon richtig sagst, hatte ich während der Saison mit Rückenproblemen zu kämpfen. Die habe ich aber dank Physio und Gerätetraining mittlerweile gut im Griff und werde jetzt wieder voll bei den Damen einsteigen können.

Martin Otto hat mit Katharina Lang die Kaderplanung für die WM abgeschlossen. Wie siehst du generell die Entwicklung der nachwachsenden Highpointerinnen bzw. 4,5-Punkte-Spielerinnen, wie Kate, Babsi Groß, Lena Knippelmeyer oder auch einer Nathalie Ebertz?

Momentan haben wir Dank der vier von dir genannten Mädels eine Auswahl an talentierten 4,5erinnen, wie schon lange nicht mehr. Ich kann mich noch an meine Anfänge erinnern, als Peter Richarz mich 2002, nach gerade mal eineinhalb Jahren Training, unbedingt mit zur WM nach Japan nehmen wollte, weil große 4,5-Punkte–Spielerinnen mit Basketballerfahrung absolute Mangelware in Deutschland waren. Das hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Insbesondere aktuell gibt es so viele talentierte Nachwuchs-4,5erinnen, dass wir uns keine Sorgen um die Zukunft in diesem Punktebereich machen müssen.

Hand aufs Herz: Wie beurteilst du aktuell das Team Germany und dessen Leistungsfähigkeit? 

Ich traue der Mannschaft sehr viel zu. Denk mal zurück an die EM im letzten Jahr auf Teneriffa. Selbst da, im ersten Jahr nach dem vermeintlichen Umbruch, haben nur Kleinigkeiten zum Gewinn des EM-Titels gefehlt. In der Vorrunde haben die Mädels alle, inklusive Holland, geschlagen. Viele Spielerinnen, insbesondere im Mid- und Low-Pointer-Bereich haben sich meiner Meinung nach in den letzten beiden Jahren extrem gut weiterentwickelt. Zu den talentierten Nachwuchs-4,5erinnen habe ich mich bereits geäußert. Ich habe mir natürlich Ende Mai auch alle Spiele der Mädels in Down Under gegen die australischen Damen angeguckt und war wirklich beeindruckt von der guten Leistung, insbesondere in einer so frühen Phase der Vorbereitung.

Und wie stehen die Chancen?

Ich sag dir ganz ehrlich: Ich habe bisher drei WMs gespielt und drei Medaillen gewonnen. Dieser Tradition möchte ich gerne treu bleiben. Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass wir das Potential haben, auch in diesem Jahr eine Medaille zu gewinnen, würde ich im August als Zuschauer nach Hamburg fahren.

Lass uns kurz auf die nachrückende Generation zurückkommen. Du hast auch irgendwann einmal angefangen auf der internationalen Bühne zu spielen. Welche Tipps würdest du bzw. gibst du jungen Spielerinnen wie Svenja Mayer, Lisa Nothelfer & Co. mit auf dem Weg? 

Ich kann mich erinnern, dass ich zu meinen Anfangszeiten jede Möglichkeit genutzt habe, um zu trainieren und zu spielen. Ich habe zeitweise bei drei verschiedenen Vereinen gleichzeitig mittrainiert und die Chance genutzt, per Doppellizenz zu spielen, so lange dies möglich war. Da sind schon einige Kilometer zusammengekommen. Leider gab es zu der Zeit noch keine reinen Damenmannschaften, in denen ich mit Doppellizenz hätte spielen können. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung, die meiner Ansicht nach viele Spielerinnen sehr weitergebracht hat. Hier würde ich auch jeder Nachwuchsspielerin raten, dieses Angebot zu nutzen.

Was müssten die jungen Damen noch machen?

Zusätzlich muss man sich überlegen, was für einen persönlich die geeignete Mannschaft in der geeigneten Liga ist. Das ist sehr individuell. Ich bekam beispielsweise die Chance, schon in meinem zweiten Jahr mit Doppellizenz in Koblenz in der ersten Liga zu spielen und dort viel zu lernen. Dann hatte ich das Glück, 2004 in Köln zu landen, wo wir nach zwei Jahren zweite Liga in die erste Liga aufgestiegen sind und die Spielkonstellationen immer so passten, dass ich viel Spielzeit bekommen habe. Das war mir wichtig und hat mich weitergebracht, auch wenn wir immer eher um den Abstieg, als um einen Platz in den Play-Offs gespielt haben (schmunzelt).

Gehört zur Entwicklung als Spielerin zwangsläufig auch die notwendige Spielzeit in der 1. RBBL?

Ich muss sagen, dass die erste Liga zu meinen Anfangszeiten bei Weitem noch nicht so stark war wie heute. Das Niveau hat sich wirklich rasant weiterentwickelt in den letzten Jahren. Daher finde ich auch, dass es für eine gute Entwicklungsmöglichkeit als Frau nicht unbedingt immer die 1. Liga sein muss. Als viel wichtiger sehe ich an, dass man entsprechende Spielzeit bekommt und zumindest eine ähnliche Rolle einnehmen kann, wie in der Nationalmannschaft. Das ist für die eine vielleicht die 1. Liga, für eine andere aber eher die 2. Liga. Ein vernünftiges Training ist natürlich immer Voraussetzung.

Kannst du dich noch an deine ersten Nationalmannschaftseinsätze erinnern? Und vor allem: Wie hast du dich gefühlt?

An mein erstes Natio-Spiel kann ich mich tatsächlich noch erinnern. Das war ein Freundschaftsspiel gegen Holland. Irgendwann 2001 in Hamburg-Allermöhe. Für alle, die die Halle nicht kennen: Der Boden dort ist eine einzige Katastrophe, viel zu weich für Rollstuhlbasketball. Man kam kaum von der Stelle. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nach ca. 10 Monaten Training im Rollstuhl sowieso nicht von so richtig von der Stelle kam. Und es war super heiß. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht.

Wie ging die „Team Germany Geschichte“ der Marina Mohnen weiter?

Bis zu meinem ersten Länderspiel bei einer Meisterschaft hat es dann leider noch vier Jahre gedauert, da sich meine Anerkennung als MB so lange hingezogen hat. Ich hatte also schon eine Vielzahl von Vorbereitungsspielen von 2001 bis 2005 gemacht, bis ich bei der EM 2005 in Frankreich mein erstes Länderspiel in einem offiziellen Turnier bestreiten konnte. Wenn ich mich richtig erinnere, war das gegen Spanien. Ich war natürlich total froh und auch stolz, endlich richtig dabei sein zu dürfen.

Ohne unhöflich wirken zu wollen, nachdem wir uns gerade über deine Anfänge unterhalten haben, aber: Hat sich eine Marina Mohnen schon Gedanken gemacht, ob sie dem Rollstuhlbasketball nach ihrer aktiven Laufbahn auf dem Court, in irgendeiner Form erhalten bleibt? Als Trainerin, Funktionärin? 

Naja, es ist ja kein Geheimnis, dass sich meine internationale Laufbahn so langsam dem Ende zuneigt. National werde ich dem Rollstuhlbasketball aber erstmal noch als Aktive erhalten bleiben, solange es noch geht und noch Spaß macht. Ich habe auch großes Interesse, einen Trainerschein zu machen. Ob und wo der dann zum Einsatz kommen wird, wird sich zeigen. Aus der jetzigen Sicht denke ich, dass ich dem Basketball auf jeden Fall in irgendeiner Form erhalten bleiben werde.

Hamburg. Heim-WM. Was bedeutet es dir, im eigenen Land, vor Freunden, Bekannten und deutschen Fans, übers Parkett zu rollen?

Ehrlich gesagt ist die Tatsache, dass die WM dieses Jahr in Deutschland stattfindet, einer der Hauptgründe, warum ich gerne nochmal dabei sein wollte. Von den EMs 2007 und 2013 weiß ich noch, wie groß die Rollstuhlbasketball-Begeisterung in Deutschland ist und dass es hier möglich ist, vor einer vollen Heimhalle zu spielen. Das ist natürlich immer etwas ganz Besonderes und Motivierendes. Ich glaube, dass die WM eine ganz tolle Veranstaltung wird, mit einer Rekordzahl an Damen und Herrenteams in einem Turnier. Außerdem beobachte ich ja auch schon seit über einem Jahr, welcher Aufwand in Hamburg betrieben wird, um dieses Turnier zu organisieren und zu bewerben. Ich werde auf jeden Fall versuchen, diese WM noch einmal zu genießen, soweit das möglich ist.

Martin Otto sprach jüngst davon, dass alles was nach dem Erreichen des WM-Viertelfinale kommt, die Kirsche auf der Sahne wäre, während ein Matt Scott gegenüber Vanessa Erskine im Champions-League-Interview äußerte, dass alle Teams zur WM fahren, um den Titel zu gewinnen. Welcher Typ bist du? Fährst du mit einem klaren Ziel vor Augen nach Hamburg? Oder denkst du, wie so oft geäußert, von Spiel zu Spiel?

Ich finde, dass sich diese beiden Dinge nicht unbedingt ausschließen. Man kann im Vorfeld eines Turniers eine klare Erwartung haben. Im Turnier selber schaut man dann von Spiel zu Spiel.

So leicht kommst du mir nicht davon, Marina. Ein bisschen konkreter darf es schon sein …

Wie ich bereits erwähnt habe, fahre ich sicher nicht mit dem Motto „Dabei sein ist alles“ nach Hamburg. Ich habe schon das Ziel, mindestens das Halbfinale zu erreichen und eine Medaille zu gewinnen. Ob das dann tatsächlich klappt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Im Laufe eines Turniers kann viel Unvorhergesehenes passieren. Das reicht von Krankheit oder Verletzung über einen gebrochenen Stuhl in einem wichtigen Spiel bis hin zu einem Tag, an dem ohne ersichtlichen Grund nichts zusammenläuft. Da muss dann wirklich von Spiel zu Spiel geschaut werden. Das Spannende ist, dass Turniere ihre ganz eigenen Gesetze haben. Das haben wir in den letzten Jahren oft genug selber erlebt.

Zum Beispiel?

Nimm die letzte WM in Kanada. Vor dem Turnier hätten die wenigsten darauf getippt, dass die Kanadierinnen Weltmeister werden. Aber sie haben sich extrem gut in dieses Turnier gespielt, sind von Spiel zu Spiel stärker geworden und haben ein unglaubliches Halbfinale gespielt. Und obwohl wir auch ein starkes Turnier gespielt haben, ist es uns nicht gelungen, die Kanadierinnen im Finale zu schlagen.

Das geht auch andersrum, oder?

Genau. 2015 und 2016 lief es so, als wir in der Vorbereitung fast jedes Spiel gegen die Holländerinnen verloren haben und sie dann in den entscheidenden Spielen bei der EM und den Paralympics trotzdem geschlagen haben. Die entscheidenden Spiele bei solchen Turnieren sind fast immer Kopfsache. Das wird meiner Meinung nach häufig unterschätzt.

Letzte Frage: Was muss vom 16. bis zum 26. August in Hamburg passieren, dass du nach der WM zufrieden und glücklich die Heimreise antrittst? 

Ich wäre zufrieden, wenn es uns gelingt, als Mannschaft unser Potenzial abzurufen. Ich denke, wenn wir das hinbekommen, dann können wir guten Gewissens sagen, wir haben unser Möglichstes getan – egal was am Ende dabei rauskommt. Ich persönlich habe natürlich auch den Anspruch an mich selber, zum Abschluss meiner internationalen Laufbahn nochmal ein gutes Turnier zu spielen. Aus Rio bin ich trotz Silbermedaille mit dem schlechten Gefühl nach Hause gekommen, dass ich das Turnier mit zwei verkorksten Spielen beendet habe und dass auch als Mannschaft wesentlich mehr drin gewesen wäre. Das war kein gutes Gefühl und ich hoffe, dass das nach Hamburg anders wird. 

Marina, vielen Dank für deine Zeit und viel Glück in Hamburg und auf dem Weg dorthin.

Foto: Andreas Joneck